Plastikkrise Teil 1

Wo liegt eigentlich das Problem?!

von Katharina Trautvetter
Trügerisch: Während die Meere und Strände im Plastik versinken, wähnen wir uns am Festland in Sicherheit vor den Plastikfluten. Doch von hier ist das Plastik einst gekommen.

Trügerisch: Während die Meere und Strände im Plastik versinken, wähnen wir uns am Festland in Sicherheit vor den Plastikfluten. Doch von hier ist das Plastik einst gekommen. Quelle: https://unsplash.com/ | Autor: cheng xiao

Plastik ist günstig in der Produktion. Plastik ist robust. Plastik ist vielseitig einsetzbar. Fast alles lässt sich aus Kunststoffen herstellen. Autoreifen, Kleidung und Einkaufstüten zum Beispiel. Seit Jahrzehnten geben wir uns dem Plastikkonsum hin. Erst jetzt haben wir langsam eine Ahnung vom Ausmaß der Umweltkatastrophe, die  ... ja, wer hat sie eigentlich ausgelöst? Die anderen, wir selbst? Wer trägt die Verantwortung für Walmägen voller Kunststoff und gigantische Müllwellen, die an einst paradiesische Südseestrände schwappen? 

Laut einer Studie von „Eunomia“, eine auf Umweltfragen spezialisierte Consulting-Agentur, gelangen pro Jahr ungefähr 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) geht von 18.000 Plastikteilen pro Quadratkilometer Ozean aus. Diese verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig, sondern sammeln sich in gigantischen Müllstrudeln, die den Meeresströmungen folgen. Der größte und bekannteste Müll-Kontinent ist der „Great Pacific Garbage Patch“, der sich im Nordpazifik über eine Fläche erstreckt, die viermal so groß wie Deutschland ist. Entdeckt hat ihn Schiffskapitän Charles Moore bereits im Jahr 1997. Nur zwei Jahre später ergaben wissenschaftliche Proben, dass in diesem Bereich der Meere sechsmal mehr Plastikteile als Plankton trieben. 2007 kamen auf ein Planktonteilchen gar 46 Plastikstücke.

Der Müll, der an der Oberfläche der Meere treibt, ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Forscher gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent des Mülls in tieferen Schichten zu finden sind. Im Sommer ging ein Bild durch die Medien, das zeigt, wie eine Plastiktüte in elf Kilometern Tiefe im Mariannengraben treibt, dem tiefsten Punkt der Weltmeere. Auch das ewige Eis der Arktis ist mit Mikroplastik durchsetzt. 12.000 Plastikteilchen befinden sich in einem Liter Meereis. Kurz: Plastik ist überall.

 

Das schließt Nord- und Ostsee mit ein. Etwa 20.000 Tonnen Plastikmüll treiben dort, die ebenfalls in einem Plastikmüllstrudel kumulieren. Der Eissturmvogel liefert uns den tragischen Beweis, dass wir auch in Europa und damit in Deutschland ein ernstes Problem mit Plastikverschmutzung haben. Diese spezielle Vogelart ernährt sich ausschließlich auf See und ist daher ein guter Indikator für die Vermüllung der nördlichen Meere. In 95 Prozent der Mägen von am Strand tot geborgenen Eissturmvögeln finden sich Plastiküberreste. 

Bitte nicht füttern!

Anders als bei Holz oder Papier kann es Jahrhunderte dauern, bis sich Plastik zersetzt. Bei einer PET-Flasche sind es bis zu 600 Jahre. Wenn Plastik erstmal da ist, ist es so schnell nicht mehr wegzubekommen. Denn es verschwindet nie ganz, sondern zerfällt durch die Einwirkung von UV-Licht und Wellenbewegungen einfach nur in immer kleinere Teilchen. Es wird zu Mikroplastik: nach einer Definition der U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration sind dies kleine Kunststoff-Teilchen mit einem Durchmesser von unter fünf Millimetern.

Das hat fatale Auswirkungen auf die Natur. Von ungefähr 800 Arten von Meereslebewesen weiß man, dass sie mit Plastik in Berührung kommen. Makroplastik (größer als fünf Millimeter) ist vor allem für größere Tiere eine Gefahr, indem sie sich zum Beispiel in Geisternetzen (verloren gegangene Fischernetze) verfangen und verenden. Oder sie sterben mit vollem Magen, weil die Plastikteile das Verdauungssystem verstopfen.

 

Das Gefahrenpotential von Mikroplastik ist subtiler. Wegen seiner hydrophoben (wasserabweisenden) Eigenschaft wirkt es auf Schadstoffe wie Insektizide wie ein Magnet. Die schadstoffbelasteten Plastikpartikel werden von kleineren Lebewesen mit Nahrung verwechselt und gefressen. Über die Nahrungskette gelangen sie in die Mägen von immer größeren Tieren und diese landen letztlich auf unserem Teller. Ob Mikroplastik über die Schadstoffbelastung hinaus selbst eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, ist noch nicht hinreichend erforscht. Fakt ist: Es ist da. In einer Studie der Universität Wien haben Forscher Mikroplastik im Darm von Menschen nachgewiesen.

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20 Prozent des Plastikmülls in unseren Ozeanen entstehen direkt auf dem Meer, zum Beispiel durch abgetriebene Fischernetze, Verlust von Transportladungen oder die illegale Entsorgung von Müll auf dem Wasser. Schon im Jahr 1985 wurde dem Internationalen Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe aus dem Jahr 1973, kurz MARPOL, eine Klausel hinzugefügt, die explizit verbietet, Plastikmüll ins Meer zu werfen. Das hindert, laut WWF, Touristenschiffe bis heute nicht daran, es trotzdem zu tun. 

Der Mammutanteil von 80 Prozent der marinen Plastikverschmutzung stammt vom Festland. Teilweise wird Plastik von den Stränden ins Meer gespült, teilweise gelangt es durch das Flusssystem dorthin. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig haben herausgefunden, dass nur etwa zehn Prozent der Flüsse 90 Prozent des über diesen Weg ins Meer gelangenden Plastiks transportieren. Spitzenreiter ist der Jangtse-Fluss in China, gefolgt vom Indus, dem größten Fluss des indischen Subkontinents, und vom Gelben Fluss (China). Warum ausgerechnet die größten Flüsse in Asien die Hauptquelle für das Plastik im Meer sind, ist leicht erklärt. In den breiten und tiefen Strömen kann sich das Plastik fast ungehindert seinen Weg zur Mündung bahnen.

Auch in Deutschland transportieren die beiden größten Ströme Rhein und Donau den meisten Plastikmüll. Dazu kommt, dass die größten Fluss-Deltas der Welt seit den frühen Tagen der menschlichen Zivilisationsgeschichte eine besonders hohe Bevölkerungsdichte aufweisen. Bis auf wenige Ausnahmen, darunter Japan oder Ruanda, haben die meisten bevölkerungsreichen afrikanischen und asiatischen Länder keine funktionierende Abfallwirtschaft. Das verschärft die Krise zusätzlich. 


Theoretisch sind Europäer also fein raus. Praktisch tragen sie als Touristen und mit Müllexporten dazu bei, dass die Krise in Asien größer wird. China sah sich im Mai 2019 dazu gezwungen, einen Müll-Importstopp zu verhängen – davon war auch Deutschland betroffen. Seither bleibt Deutschland auf 25 Prozent seines erzeugten Mülls sitzen.

 

Zurück zum Sender

Deutschland ist im europäischen Vergleich ganz vorn dabei in der Verpackungsmüllproduktion. 2016 fielen in Deutschland insgesamt 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an, davon allein knapp sechs Millionen Tonnen Plastikmüll. Das sind etwa 25 Kilogramm Plastikmüll pro Kopf und Jahr. Der Verbraucher, also wir, trägt dabei einen Großteil der Verantwortung. Denn 77 Prozent des anfallenden Plastikmülls stammt aus privaten Haushalten. Ein kleiner Trost: Die Recycling-Quote von Plastikverpackungen beträgt 49,7 Prozent. Nicht berücksichtigt ist hierbei Müll, der achtlos in die Natur geworfen wird oder auf anderen Wegen absichtlich oder unbeabsichtigt in die Umwelt gelangt.

Ebenfalls nicht Teil der Recycling-Kalkulation ist Mikroplastik, das nicht erst durch Zersetzungsprozesse entsteht, sondern direkt in die Umwelt eingebracht wird. Eine der Hauptquellen ist der Abrieb von Autoreifen, der über die Straßen ins Abwasser oder ins Grundwasser gelangt. Prominent in den Medien vertreten ist der Eintrag von Mikroplastik durch Kosmetikprodukte, Reinigungsmittel oder Kunstfasern von Textilien. Die Filteranlagen in den Wasserwerken sind bisher nicht in der Lage, Mikroplastik herauszufiltern. So kommt es über die Wege der Wasserversorgung entweder direkt wieder zu uns zurück oder gelangt über den Wasserkreislauf in alle Winkel der Erde. 

Teste dich! Welcher Müll gehört in welche Tonne?

Nicht nach Fehlern suchen, sondern nach Lösungen

Es gibt bereits eine Vielzahl von unternehmerischen oder ehrenamtlichen Projekten, die der Plastikkrise aktiv entgegenwirken sollen. Der auffälligste Vertreter ist das „Ocean Cleanup-Project“ des Niederländers Boyan Slat. Er will mithilfe einer eigens entwickelten Technologie dem „Great Pacific Garbage Patch“ zu Leibe rücken und hat ein Nebenprojekt gestartet, das auch den Plastikmüll aus unseren Flüssen holen soll. Dazu gibt es weltweit zahlreiche Aktionen, wie den Costal Cleanup Day, an dem einen Tag lang überall auf der Welt die Strände vom Müll befreit werden. All diese Maßnahmen tragen zwar ihren Teil dazu bei, dass das Problem von der breiten Masse erkannt wird. Gebannt wird es so aber noch lange nicht. Die Methoden kratzen sprichwörtlich nur an der (Meeres-)Oberfläche. Technologien, das Plastik auch aus mehreren Kilometern Tiefen heraufzubefördern und das, ohne Flora und Fauna zu schädigen, gibt es bisher nicht. Experten sehen daher nur eine wirksame Lösung: An der Quelle ansetzen und den Plastikmüll reduzieren.

Auch die EU hat mittlerweile dem Plastikmüll den Kampf angesagt und will Einweg-Produkte wie Trinkhalme und Geschirr aus Plastik ab dem Jahr 2021 verbieten. Ökonomen und Umweltschützer sehen größere Chancen darin, durch finanzielle Maßnahmen den Plastikkonsum einzudämmen – entweder durch Abgaben auf Plastikprodukte oder durch die finanzielle Förderung von umweltfreundlichen Materialien. Einige Unternehmen, darunter Netto oder Rewe, suchen auf eigene Initiative nach Alternativen zum Plastikverpackungswahn, indem sie keine Plastiktüten mehr anbieten oder an Verfahren und Ideen arbeiten, unnötige Plastikverpackungen zu vermeiden. 

Das Problem ist global und verlangt nach globalen Lösungen. Davon können sich auch Europäer nicht ausnehmen. Mehr noch: Jeder Einzelne ist gefragt. Unseren Müll sauber zu trennen, eine Jute-Tasche zum Einkaufen mitzunehmen, Leitungswasser statt Mineralwasser zu trinken oder das Auto stehen zu lassen sind ein paar von vielen kleinen alltäglichen Maßnahmen, die in der Masse große Wirkung entfalten können. 

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