Mikroplastik im Boden

Wie kommt der Kunststoff in die Erde?

von TapWater Digest
Böden spielten eine wichtige Rolle beim Klimaschutz – und sie sind bedroht. In ihnen finden sich Mikroplastik-Konzentrationen zwanzigmal höher als im Meer.

Böden spielten eine wichtige Rolle beim Klimaschutz – und sie sind bedroht. In ihnen finden sich Mikroplastik-Konzentrationen zwanzigmal höher als im Meer. Quelle: www.pixabay.com | Autor: Pexels

Dass Mikroplastik ein Problem für unsere Gewässer ist, wissen wir schon lange. Was jetzt immer mehr ins Blickfeld rückt: Die winzigen Kunststoffteilchen haben längst auch den Weg in unsere Böden gefunden. Und zwar in großen Mengen. Sogar die Luft soll belastet sein. Aber wie kommt das Plastik dorthin? Und welche Folgen hat es für Mensch und Umwelt?

150.000 Mikroplastikteilchen auf einem Hektar bayerischer Ackerfläche, 1.800 in einem Liter Schnee aus der Arktis. 365 Partikel, die über einen Tag verteilt in den französischen Pyrenäen pro Quadratmeter vom Himmel fallen. Mikroplastik scheint tatsächlich überall zu sein, das legen Studien wie etwa die der Universität Bayreuth nahe. Die Forscher hatten in einem Kilogramm Ackerboden im Durchschnitt 0,34 Mikroplastikteilchen gefunden. Hochgerechnet auf einen Hektar bedeutet das eine Belastung von 150.000 Teilchen. Verglichen mit dem Mikroplastikanteil im Meer entspricht das einer etwa zwanzigmal höheren Konzentration. Hier nicht miteingerechnet sind Nanoteilchen und Makroplastik, das sich im Laufe der Zeit ebenfalls zu Mikroplastik zersetzt. Den größten Anteil hatten Partikel aus Verpackungskunststoffen. Und die gelangen schon bei der Gewinnung von neuem Boden in die Erde, beim Kompostieren also. Denn beim Verwerten von Biomüll aus Privathaushalten können Fremdteilchen nur mit groben Sieben und von Hand ausgelesen werden, alles andere gelangt in die Bodenmischung. 

Mikroplastik in Düngemitteln

Ein weiterer Eintragsweg ist die gängige Düngepraxis in der konventionellen Landwirtschaft. Häufig wird als Dünger flüssiges Gärmittel aus Biogasanlagen eingesetzt, in denen gewerblicher Müll aus Supermärkten und Gastronomie verarbeitet wird. In Stichproben fanden die Bayreuther Forscher 895 Plastikstückchen pro Kilogramm Dünger. Das Problem: Die Abfälle werden in der Regel inklusive Verpackung als Biomüll angeliefert und verarbeitet. Noch problematischer ist das Düngen mit Klärschlamm. Zwar ist die landwirtschaftliche Nutzung dieses Filterprodukts aus Kläranlagen in den vergangenen Jahren rechtlich immer weiter eingeschränkt worden, doch mehr als die Hälfte des Schlammes landet immer noch als Düngemittel auf den Äckern. Und mit ihm jede Menge Mikroplastik, vor allem synthetische Textilfasern, die sich beim Waschen aus unserer Kleidung lösen. 

Konsequenzen für Mikroorganismen

Ob die Kleinstpartikel von Pflanzenwurzeln aufgenommen werden können, ist noch unklar. Für die Mikroorganismen in der Erde hat das Mikroplastik allerdings direkte Konsequenzen, denn die Kleinstpartikel verändern die Struktur des Bodens. Insbesondere synthetische Fasern verringern die Stabilität der Bodenarchitektur. Die natürlichen Hohlräume nehmen ab, und die Erde verdichtet sich, was Konsequenzen für die Wasser- und Gasflüsse im Boden hat und damit indirekt auch für die Kleinstlebewesen, die dort leben. Das wirkt sich wiederum auf die Pflanzen aus, die dort wachsen und auf das gesamte Ökosystem.

Auch über die Luft kann Mikroplastik neuesten Erkenntnissen zufolge in den menschlichen Organismus gelangen.

Auch über die Luft kann Mikroplastik neuesten Erkenntnissen zufolge in den menschlichen Organismus gelangen. Quelle: www.unsplash.com | Autor: Karina Tess

Plastik im Blut?

Dass das omnipräsente Mikroplastik von uns Menschen über die Nahrung aufgenommen wird, ist bereits nachgewiesen. Forscher der Medizinischen Universität Wien haben Stuhlproben von 20 Menschen weltweit untersucht. Bei allen wurden Mikroplastikteilchen gefunden. Im Durchschnitt 20 Plastikteilchen in zehn Gramm Stuhl. Auch hier stammten die Partikel vor allem aus Verpackungskunststoffen. Zwar wird der Großteil der Partikel offenbar wieder ausgeschieden – in Studien mit Nagetieren und Fischen wurde allerdings beobachtet, dass kleinste Teile auch vom Körper aufgenommen werden können. Die fand man zum Beispiel im Blut, in der Leber oder in den Lymphknoten. 

Welche gesundheitlichen Folgen Mikroplastik für den menschlichen Organismus hat, darüber kann aktuell nur spekuliert werden. Forscher schließen Gesundheitsrisiken allerdings nicht aus. „Wir wissen noch viel zu wenig über ganz kleine Teilchen, sogenanntes Nanoplastik“, sagt zum Beispiel Umweltmediziner Hans Mooshammer von der Medizinischen Universität Wien in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Kurier. „Theoretisch können Teilchen, die deutlich kleiner als ein Tausendstel Millimeter sind, Zellbarrieren durchdringen“. Vor allem bei Menschen mit bereits bestehenden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen bestehe ein gewisses Risiko, dass durch die bereits beeinträchtigte Darmbarriere Mikroplastik doch in gewissen Mengen aufgenommen werde und zu weiteren Entzündungsreaktionen führt. Das größte Gesundheitsrisiko vermuten Forscher aber hinter Mikroplastik, das sich in der Luft befindet.

Plastik in der Lunge

Denn auch in der Luft sind jede Menge Kunststoff-Kleinstpartikel zu finden und zwar nicht nur in Städten, sondern auch fernab von größeren Siedlungen: Forscher der Universität Toulouse wiesen in den französischen Pyrenäen im April 2019 erhebliche Mengen Mikroplastik in der Luft nach, was beweist, dass Mikroplastik sich über die Atmosphäre großflächig verteilt. Schnee und Regen nehmen die Kleinstpartikel aus der Luft auf und transportieren sie wieder auf die Erde. So gelangt das Plastik offenbar bis in die Arktis, wo Forscher in einem Liter Schnee 1.800 Mikroplastikteilchen fanden, vor allem aus Gummiabrieb und künstlichen Lacken.

Besonders problematisch ist das fliegende Mikroplastik deshalb, weil Partikel, die kleiner als 5 Mikrometer sind, über Mund und Nase bis ins Lungengewebe gelangen können. Wenn Partikel in Bakteriengröße in den Körper eindringen, versucht das Immunsystem sie mit allen Mitteln loszuwerden. Das schädigt auf Dauer den Organismus. Bekannt ist, dass andere Arten solcher kleinen Partikel schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Feinstaub etwa wird mit einer ganzen Reihe an Krankheiten in Verbindung gebracht, von Asthma über Herzinfarkte, bis hin zu Lungenkrebs. 

Um das Plastikproblem einzudämmen, sind nicht nur Industrie und Politik gefragt, auch der Verbraucher kann seinen Teil beitragen. Weniger verpackte Lebensmittel, weniger synthetische Kleidung und eine konsequente Mülltrennung, vor allem beim Biomüll sind ein Anfang.

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