Noten aus Wasser

Musik bis zum Meer

von TapWater Digest
Immer wieder Thema in der klassischen Musik: Wasser in all seinen Formen inspirierte nicht zuletzt die ganz großen Komponisten.

Immer wieder Thema in der klassischen Musik: Wasser in all seinen Formen inspirierte nicht zuletzt die ganz großen Komponisten. Quelle: https://unsplash.com/ | Autor: Julio Rionaldo

Wasser gehört zu den wiederkehrenden Themen in der klassischen Musik. Neben den großen Hits wie Händels „Wassermusik“, Smetanas „Moldau“ und Debussys „La mer“ gibt es eine Fülle von Kompositionen, die sich dem Wasser in allen nur erdenklichen Formen widmen. Tropfen, Regen, Bäche, Flüsse, gefrorene Seen oder Meere, über denen der Nebel hängt: Musikgeschichte kann trocken sein, an Wassern ist in ihr kein Mangel. 

„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen“, so sagte Beethoven einst über Johann Sebastian Bach, „wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien.“ Beethoven hat Bachs Musik sehr bewundert. Und Beethoven liebte die Natur: In seiner Symphonie Nr. 6, der „Pastorale“ von 1808, hat er dieser Liebe ein Denkmal gesetzt, in dem das Wasser feinsinnig plätschert, während es in schwarzblauen Wolken schon darauf wartet, sich auf uns zu stürzen.

Weder die „Szene am Bach“, der zweite Satz dieser Symphonie, noch das „Gewitter“ des vierten Satzes sind als Kopfgeburten vor dem Kachelofen entstanden. Spaziergänge im Freien gehörten zu Beethovens Routinen beim Komponieren – mäßiges Wetter schien ihn dabei nicht zu stören. Dass er in der „Pastorale“ „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ komponiert haben wollte, dürfte auch durch die Erfahrungen im Freien motiviert worden sein.

Ein Flaneur, der das mäßige Wetter liebte und vertonte: Beethoven.

Ein Flaneur, der das mäßige Wetter liebte und vertonte: Beethoven. Quelle: https://pixabay.com/ | Autor: Valdas Miskinis

Komponieren, bis das Eis bricht

Viele Komponisten haben sich vom Wasser inspirieren lassen: Johann Sebastian Bachs Kantate „Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt“ entstand wahrscheinlich ab 1713. Der anfängliche Bezug auf die Natur dient darin dem Lobpreis Gottes, dessen Wirken hier mit der fruchtbaren Kraft des Wassers assoziiert wird. Seine „Wassermusik“ hat Georg Friedrich Händel für eine Lustfahrt geschrieben, die König George I. von England am 17. Juli 1717 auf der Themse veranstaltete – keine leichten Bedingungen für die Musiker, die auf schaukelnden Flößen über das Rauschen des Wassers hinwegspielen mussten.

Nicht mehr nur für die Kirche und auch nicht für Aufführungen im Freien hat Antonio Vivaldi seine „Vier Jahreszeiten“ komponiert, diese berühmte Sammlung von vier Konzerten für Violine und Orchester aus den Jahren ab 1720. Vorne in die Partitur und mitten in die Noten hineingeschrieben hat Vivaldi hier, was diese Musik darstellen soll: Vogelstimmen und unaufgeregte Naturlaute zum Beispiel, aber auch Donner und Blitz. Dem Wasser am nächsten ist der „Winter“, dessen zweiter Satz eine Szene am Kamin schildert, während von draußen der Regen gegen die Fensterscheiben trommelt. Im dritten und letzten Satz bewegen sich Menschen auf dem Eis, die einen mutig gleitend, andere vorsichtiger – bis irgendwo auf einmal die Eisdecke nachgibt. 

Regen, der an die Fensterscheibe trommelt, hört man zum Beispiel in Vivaldis Konzertsammlung „Vier Jahreszeiten“, genauer im zweiten Satz des „Winters“.

Regen, der an die Fensterscheibe trommelt, hört man zum Beispiel in Vivaldis Konzertsammlung „Vier Jahreszeiten“, genauer im zweiten Satz des „Winters“. Quelle: https://pixabay.com/ | Autor: Wolf Blur

Wolken, Tropfen, Regen

Vivaldis „Jahreszeiten“ bilden einen der ernstzunehmenden Vorläufer für Beethovens „Pastorale“, und so könnte man der Musikgeschichte des Wassers chronologisch nachgehen bis in die Gegenwart. Man kann aber diese Geschichte auch so erzählen, dass man dem natürlichen Kreislauf des Wassers folgt: Über Regen komponiert haben neben Bach, Vivaldi oder Beethoven auch andere Komponisten, z. B. Frédéric Chopin. Von ihm existiert das „Regentropfen-Prélude“ für Klavier solo, dessen Bassstimme, wenn man so will, anfangs das sanfte Tröpfeln des Regens wiedergibt, während die Melodie der rechten Hand in aller Ruhe durch die Fensterscheiben schaut. 

Poetisch schon im Titel klingen Hanns Eislers „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“ für Kammerensemble. Entstanden 1941 im Exil und zunächst als Musik zu einem Dokumentarstummfilm gedacht, hat Eisler zu Protokoll gegeben, in dieser Komposition sehe er „Vierzehn Arten, mit Anstand traurig zu sein“. 

Quellen, Bäche, Flüsse

Das Liedschaffen der Romantiker wäre sehr viel ärmer, wenn man die Lieder aussortieren würde, in den Quellen sprudeln, Bächlein rauschen, Wasser plätschern und Mühlräder sich drehen. Ähnlich wie in Franz Schuberts „Forelle“ beteiligt sich das Klavier in diesen Fällen häufig daran, die Bewegung des Wassers zum Funkeln zu bringen, aber auch die wechselnden Stimmungen und Empfindungen des Menschen, die das Wasser symbolisiert.

Anders als solche Lieder für Sologesang und Klavier hat der tschechische Komponist Bedrich Smetana seine „Moldau“ in Töne gesetzt. Die symphonische Dichtung wurde zum bekanntesten Instrumentalstück für Orchester, das nichts anderes tut, als dem Lauf eines Flusses zu folgen und dabei den Blick durch die Gegend schweifen zu lassen: Nach der Vereinigung ihrer beiden Quellen (Flöten, dann Klarinetten) wächst die Moldau zu einem Fluss heran (majestätisches Thema in den Streichern), schlängelt sich durch Wälder und Fluren (Jagdhornklänge) vorbei an einer Bauernhochzeit (Tanzmusik), einem nächtlichen Nymphenreigen (hohe Streicher mit Dämpfer, Harfen, Flöten). Weiter fließt sie unter stolzen Schlössern und erhabenen Burgen, bis sie nach den Johannisstromschnellen (volles Orchester, Schlagwerk, Becken) Prag erreicht und später schließlich in der Elbe entschwindet. 

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Ozeanische Gefühle – Das Meer in uns

Der Franzose Claude Debussy hat nicht an der Mündung der Elbe in die Nordsee gewartet, um „La mer“ zu komponieren. Als er an diesem berühmten Werk arbeitete, hat er nicht einmal mehr am Meer gelebt. An seinen Freund André Messager schrieb er, „dass die Weinberge Burgunds“, wo das Werk entstand, „nicht gerade vom Ozean umspült werden!“

 

Debussy sollte als Kind eine Ausbildung zum Seemann absolvieren und hatte sich dem Meer, wie er Messager gestand, „eine wahre Leidenschaft bewahrt“. Seine Komposition „La mer“ für großes Orchester zehrt von solchen Erinnerungen. Er fand sie wichtiger als die Realität, „deren Charme“, wie er schrieb, „im Allgemeinen die Gedanken zu sehr belastet.“

Das Stück ist wahrscheinlich von mehreren literarischen Vorlagen beeinflusst, aber schon die Satzbezeichnungen sprechen für sich: „Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer“, „Spiel der Wellen“ und „Dialog des Windes und des Meeres“. Abwechslungsreich „wie das Meer“ sei die Instrumentation von „La mer“, sagte Debussy. Es ist eine feine, vielstimmige, oft imposante und manchmal fast sirenenhafte Musik, vielstimmig genug, sich bis über beide Ohren in sie zu verlieren. 

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