Gemüsebauer Peter Höfler (jun.)

„Den Landwirt mit Strohhut und Pferdepflug gibt es schon lange nicht mehr“

von Mona El Attar
Peter Höfler (jun.) ist überzeugt, dass sich in Zukunft die konventionelle und biologische Landwirtschaft immer weiter annähern werden.

Peter Höfler (jun.) ist überzeugt, dass sich in Zukunft die konventionelle und biologische Landwirtschaft immer weiter annähern werden. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Jan Kreusel

Seit 250 Jahren ist der Familienbetrieb „Höfler Gemüse“ eine feste Instanz im tradierten Anbaugebiet des Nürnberger „Knoblauchslands“. Als Selbstvermarkter auf dem Nürnberger Großmarkt gilt für ihn das Motto: „Morgens noch auf dem Feld, abends auf dem Teller“. Doch ebenso wie andere Landwirte spüren auch die Gemüsebauern die verschärften Forderungen aus Politik und Gesellschaft, die angesichts zu hoher Nitratwerte in Trink- und Grundwasser glauben, ihre Schuldigen längst gefunden zu haben. Doch so einfach ist es nicht, findet Peter Höfler (jun.). Ein Gespräch über die Herausforderungen und Chancen eines landwirtschaftlichen Umbruchs im Sinne der Umwelt. 

Nitrat, Pestizide, Grundwasserverschmutzung und Grenzwerte. Die Landwirte haben es derzeit nicht einfach. Was hat sich in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten verändert?

Im Knoblauchsland ist es unübersehbar die zunehmende Anzahl der Gewächshäuser. Das ist dem geschuldet, dass sich Gurken, Tomaten und Paprika in unseren Breitengraden einfach nur im Gewächshaus produktiv anbauen lassen – und der Bedarf immer größer wurde. Gleichzeitig sind die Anforderungen des Lebensmitteleinzelhandels gestiegen, denn die Kunden verlangen eine gleichbleibend hohe Qualität ihrer Waren. Vonseiten der Politik und des Handels haben sich die Pflanzenschutzmittelauflagen deutlich erhöht, während die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln wesentlich geringer wird. Die Folge sind hochmoderne Gewächshäuser, in denen weniger Pflanzenschutz notwendig ist und in denen das Gemüse wächst, das die Kunden kaufen wollen.

Werden langfristig die typischen Gemüsefelder aus unserer Landschaft verschwinden und die gesamte Gemüseproduktion auf Gewächshäuser umgestellt?

Nein, das wird eher nicht geschehen, weil sich die Investition in ein Gewächshaus nur für wenige Gemüsearten rentiert. Kohl beispielsweise ist von der Temperatur her nicht so anspruchsvoll. Wir pflanzen ihn ab Februar auf dem Feld und können ihn bis November ernten. Der Freilandbau hat daher ebenso seine Berechtigung wie die Unterglasproduktion. Ich denke, das Zusammenspiel von Freiland und Gewächshaus hat das Knoblauchsland für den Handel und letztlich für den Endkunden zu einem so interessanten und wichtigen Partner gemacht. Wir schaffen es heute, sehr viele verschiedene Gemüsearten in hoher Qualität und Menge über einen langen Zeitraum anbieten zu können. Anders als in den Gewächshäusern haben wir in der Freilandproduktion die Einschränkung, dass wir der Witterung unmittelbar ausgesetzt sind. Das führt unter anderen zu Problemen wie Ernteverluste durch Hagelschlag oder Nährstoffverlagerungen im Boden. Was letztlich zu einem Nitrateintrag ins Grundwasser führen kann.

Wie geschieht das?

Angenommen, ich habe im Oktober den Kohl geerntet, dann habe ich Ernterückstände auf dem Feld, die sich mit der Zeit mineralisieren. Der Stickstoff, der sich in den Pflanzen befindet, tritt im Laufe dieses Prozesses aus und verlagert sich durch den Winter durch Niederschlag in tiefere Bodenschichten. Für die Pflanzen, die im Frühjahr aufwachsen, ist er dann nicht mehr verfügbar.

Wir haben gerade Anfang Dezember und einige Ihrer Felder sind bepflanzt.

Das ist unsere Maßnahme, das Nitrat (NH3-) daran zu hindern, über den Winter in den Boden ausgewaschen zu werden. Wir sähen nach der letzten Ernte eine Grüneinsaat. Bis Mitte Oktober ist das noch gut möglich. Der Aufwuchs dieser Saat speichert die Nährstoffe über den Winter. So bleibt das Nitrat dort, wo es sein soll.

Peter Höfler und seine beiden Geschwister sind auf dem Betrieb aufgewachsen. Die Felder und Gewächshäuser sind sein zweites Zuhause.

Peter Höfler und seine beiden Geschwister sind auf dem Betrieb aufgewachsen. Die Felder und Gewächshäuser sind sein zweites Zuhause. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Jan Kreusel

Und das funktioniert immer?

Wenn es so wäre, gäbe es diese Nitrat-Diskussion nicht. Ich beispielsweise nutze Roggen als Grüneinsaat. Wenn ich mein letztes Gemüse bis Mitte Oktober ernten kann, habe ich noch eine Chance, je nach Wetter, dass der Roggen ausreichend aufwächst, nachdem ich ihn gesät habe. Jedes Feld, das ich nach Mitte Oktober abernten muss, liegt zwangsläufig über den Winter brach. Aber auch hier haben wir das Problem erkannt und versucht, für uns eine Lösung zu finden, die die Nitratverluste reduziert.

Wie sieht diese Lösung aus?

Wir verwenden in unserer Freilandproduktion hauptsächlich stabilisierte Dünger. Stickstoff kann in Ammonium- und Nitratform vorliegen. Ammonium, NH4+, kann gut von den Bodenmineralien fixiert werden, das heißt, der Boden kann das Ammonium festhalten. Nitrat, NH3-, hingegen ist mobil im Boden, kann also durch Niederschlag ausgewaschen werden. Wir nutzen daher Dünger mit einem hohen Ammonium- und möglichst geringen Nitratanteil.

Mit speziellen Gerätschaften können die Düngerdepots gezielt im Boden angelegt werden.

Mit speziellen Gerätschaften können die Düngerdepots gezielt im Boden angelegt werden. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Jan Kreusel

Warum können Sie nicht ganz auf Nitrat verzichten?

Nitrat wirkt schneller und kann von den Pflanzen leichter aufgenommen werden als Ammonium. Für manche Pflanzen ist das ein wichtiger Faktor. Bei anderen wiederum verwenden wir flüssigen Ammoniumdünger, der in einem Depot circa sechs bis acht Zentimeter tief im Boden abgelegt wird. Die Wurzeln der Pflanze umschließen das Depot und versorgen sich daraus. Wir bringen den Dünger mit einem speziellen, computergesteuerten Gerät aus, das an dem Traktor hängt. Diese Art zu düngen ist relativ aufwändig. Die Technik ist teuer und man muss extrem sorgsam mit dem flüssigen Dünger umgehen, denn er ist sehr korrosiv.

Höfler Gemüse wurde 2019 vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz als „blühender Betrieb“ ausgezeichnet.

Höfler Gemüse wurde 2019 vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz als „blühender Betrieb“ ausgezeichnet. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Jan Kreusel

Ein „blühender Betrieb“

„Wir haben unsere Außenanlagen seit 2011 sukzessive mit heimischen Blühpflanzen naturnah angelegt. Das ist im Herbst natürlich nicht sehr hübsch, aber wir lassen die Wiesenstreifen bewusst über den Winter stehen, damit sich die Vögel die Samen holen können. Im Frühjahr werden die Wiesen gemäht und der Grünschnitt abgetragen, damit die heimischen Pflanzen wieder wachsen können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Blühstreifen Insekten angelockt haben, die auf der Roten Liste für gefährdete Pflanzen- und Tierarten stehen. Dabei handelt es sich meist um sehr spezialisierte Arten. Um beispielsweise die Natternkopf-Mauerbiene anzulocken, muss man den Natternkopf ansähen. Ein Jahr, nachdem ich das getan hatte, hatten wir Natternkopf-Mauerbienen auf dem Blühstreifen. Und das obwohl keine vier Meter weiter intensiver Gemüseanbau mit chemischem Pflanzenschutz im Freiland stattfand. Für mich bedeutet das, dass beides nebeneinander funktionieren kann.“

Sehen Sie in den politischen Maßnahmen zu strenger werdenden Grenzwerten eine Chance oder ein Risiko für die Landwirtschaft?

Natürlich beginnt man eher über Alternativen nachzudenken, wenn die herkömmliche, konventionelle Art der Bewirtschaftung nicht mehr möglich bzw. erlaubt ist. Auf der anderen Seite wird es für einen kleinen Betrieb immer schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten, wenn die Auflagen immer höher werden. Man kann nicht erwarten, dass sich die Landwirtschaft in Deutschland innerhalb von fünf Jahren komplett umkrempeln lässt. Was in der politischen und leider auch gesellschaftlichen Debatte oft unter den Tisch fällt, ist, dass wir Landwirte und Bauern nicht im letzten Jahrhundert hängen geblieben sind. Den Bauern mit Strohhut und Pferdepflug gibt es schon lange nicht mehr. Mittlerweile arbeitet fast jeder Betrieb mit hochmoderner Technik, um den Verbraucherwünschen nachzukommen und um umweltverträglicher zu wirtschaften. Kein Landwirt oder Bauer hat ein Interesse daran, seinen Boden zu ruinieren, von dem er und die Generationen nach ihm leben werden. Mit Sicherheit kann die Landwirtschaft noch mehr tun, aber dann muss sich auch das Kaufverhalten der Menschen ändern und die Politik muss uns die Möglichkeit geben, den Wandel mitzugehen.

Wie sieht für Sie die Landwirtschaft der nächsten Jahrzehnte aus?

Ich denke, dass sich der konventionelle und biologische Landbau in Zukunft immer mehr annähern werden. Langfristig werden mehr Betriebe Flächen für den Arten- und Naturschutz zur Verfügung stellen und dafür andere Flächen intensiv bewirtschaften. Denn um zu überleben, müssen sie wirtschaftlich bleiben. Um zu beziffern, was der Landwirt in Zukunft leisten wird, muss der Verbraucher über seine Verantwortung aufgeklärt werden. Seine Nachfrage bestimmt unser Angebot. Gleichzeitig müssen Landwirte, Politik und Verbraucher in einen Dialog treten. Gerade im Bereich der konventionellen Landwirtschaft ist das in den letzten 50 Jahren vielleicht zu wenig geschehen. Nur so können wir den Strukturwandel in der Landwirtschaft kontrolliert vollführen und den bayerischen Familienbetrieben Zukunftsmöglichkeiten bieten.

Peter Höfler in seinem leeren Gewächshaus. Am Ende der Erntesaison wird das Gewächshaus gereinigt und desinfiziert. Anschließend wird alles vorbereitet, um die neuen Setzlinge zu pflanzen.

Peter Höfler in seinem leeren Gewächshaus. Am Ende der Erntesaison wird das Gewächshaus gereinigt und desinfiziert. Anschließend wird alles vorbereitet, um die neuen Setzlinge zu pflanzen. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Jan Kreusel

Hier geht nichts verloren

„Wir haben hier in der Gewächshausanlage quasi zwei getrennte Abteile: Das eine ist meistens mit Paprika belegt, das andere wechselt zwischen Gurke und Tomate. Dementsprechend brauchen wir auch zwei Kreisläufe für die Kulturen, weil die Paprika andere Ansprüche an den Dünger hat als die Tomate. Die Kreisläufe für die beiden Pflanzen sind voneinander getrennt, aber unter einem Dach. 
Wir benutzen flüssige Dünger, das heißt, die Pflanzen bekommen bei jeder Bewässerungsgabe auch Nährstoffe. Was die Pflanze nicht aufnimmt, läuft die Falz hinunter und fließt über ein Rinnensystem zurück in den Wassertechnikraum. Dort wird es gesammelt, gefiltert und desinfiziert. Anschließend wird es mit frischem Wasser und neuen Nährstoffen wieder ins Gewächshaus gepumpt. So gehen weder Wasser noch Nährstoffe verloren. Das ist praktisch der Sinn dieses geschlossenen Kreislaufs. Alle zwei Wochen gibt es neue Düngerrezepte, je nachdem, wie groß die Pflanze ist. Eine kleine Pflanze, an der noch keine Früchte dran sind, hat natürlich andere Ansprüche an die Düngung, als eine Pflanze, die voll mit Tomaten hängt. Das hängt auch mit der Jahreszeit, mit der Lichteinstrahlung und anderen Faktoren zusammen.“

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